Mittwoch, 4. November 2026

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Europa · Frankreich

Kühltruhen auf 50 Grad: Zweite Hackerwelle trifft Supermärkte in fünf Ländern

Nach Frankreich stellen Angreifer nun in Schweden, Belgien, Luxemburg, Irland und Estland Kühlanlagen per Fernzugriff auf Abtauen. Die Einfallstore waren bekannt, der Patch lag seit über einem Jahr bereit.

In der Nacht auf Montag haben Unbekannte in mehreren europäischen Ländern die Kühl- und Gefrieranlagen von Supermärkten aus der Ferne in den Abtaumodus geschaltet. Betroffen sind Filialen in Schweden, Belgien, Luxemburg, Irland und Estland. Ganze Regale mit Frisch- und Tiefkühlware mussten entsorgt werden. Es ist die zweite Welle nach dem Angriff auf Hunderte französische Läden Mitte Oktober. Täter und Motiv sind unbekannt, ein Bekennerschreiben oder eine Lösegeldforderung gibt es nicht.

Fünf Länder in einer Nacht

In Südschweden meldete der ICA Kvantum in Sjöbo auf Facebook, seine Kühlgeräte seien gehackt und auf 50 Grad gestellt worden; ICA-Sprecher Gustaf Nilsson sprach laut AP von einer «begrenzten Zahl» betroffener Läden, ohne sie zu nennen. Coop bestätigte Störungen in sechs Filialen in Mittelschweden.

In Belgien traf es Delhaize, Carrefour und Spar. Delhaize-Sprecherin Sarah De Meester sprach von einem «IT-Vorfall» in mehreren Dutzend Läden, die meisten in Belgien, einige in Luxemburg. Carrefour Belgien zählte 15 betroffene von über 700 Filialen. Der Kältetechnik-Dienstleister Sabcobel nannte gegenüber Belga rund 20 betroffene Anlagen, 20 Minuten berichtet von rund 60 Filialen; die Zahlen gehen auseinander. Die belgische Staatsanwaltschaft ermittelt.

In Irland nahm die Musgrave-Gruppe in 13 SuperValu-Läden vorsorglich alle gekühlten und gefrorenen Produkte aus dem Verkauf. Laut Irish Times war nur ein bestimmtes Kühlgerätemodell betroffen; am Nachmittag galt der Vorfall als behoben. In Estland drang der Angreifer laut dem Hersteller Kitman Coldtech in den Steuerrechner eines Kunden ein und stellte die Temperatur auf 50 Grad; betroffen war eine Selver-Filiale, der Schaden blieb nach Firmenangaben gering.

Frankreich: bis zu 700 Läden, Brände, Ermittlungen

Das Muster ist dasselbe wie in Frankreich in der Nacht auf den 12. Oktober. Dort stiegen die Temperaturen in Kühlmöbeln von Intermarché, Netto, Coopérative U, Carrefour, Monoprix und Leclerc über Stunden auf rund 50 Grad; in einigen Läden schmolzen Geräte oder fingen Feuer, Sprinkleranlagen setzten Lager unter Wasser. Die Zahl der betroffenen Läden schwankt je nach Quelle zwischen 150 und 700; die AFP nannte 150 bis 200 Intermarché- und knapp 100 U-Märkte, Le Monde Informatique mindestens 300 Intermarché- und Netto-Filialen. Reuters schätzte den Schaden auf über zehn Millionen Euro. Die Pariser Staatsanwaltschaft hat eine Untersuchung eröffnet und dem Office anticybercriminalité übertragen; Premierminister Sébastien Lecornu beauftragte die Cyberbehörde ANSSI.

Deren Direktor Vincent Strubel führte den Erfolg des Angriffs auf elementare Sicherheitsmängel zurück: Kühlanlagen seien direkt dem Internet ausgesetzt, ohne besondere Absicherung verwaltet und mit schwachen Passwörtern geschützt gewesen.

Die Tür stand offen

Im Zentrum stehen Regler des dänischen Herstellers Danfoss, die in Supermärkten die Kühlung steuern und über eine Weboberfläche aus der Ferne überwacht werden. Sicherheitsforscher von Claroty hatten im Modell AK-SM 800A einen versteckten «Code des Tages» gefunden, mit dem sich die Passwortabfrage umgehen lässt (CVE-2025-41450), und zählten rund 2765 solcher Geräte offen im Internet. Danfoss schloss die Lücke mit der Firmware R4.3.1 im August 2025. Ältere Modelle wie der AK-SC355 werden seit 2016 nicht mehr gepflegt. Danfoss erklärte nach dem französischen Angriff, betroffen seien veraltete Geräte oder solche mit nicht aktualisierter Software. Die Fachleute sind sich einig, dass dafür kein staatliches Hackerteam nötig war; der britische Sicherheitsforscher Ken Munro hielt auch Jugendliche für möglich.

EU-Agrarkommissar Christophe Hansen sprach von einem bewussten Versuch, die Lebensmittelkette zu unterbrechen und das Vertrauen der Verbraucher zu untergraben, betonte aber, die Lebensmittelsicherheit sei nicht gefährdet. In der Schweiz meldete Coop laut 20 Minuten abgewehrte Angriffsversuche auf ihre Systeme.

Was die Podcasts sagen

Der «TE Wecker» von Tichys Einblick meldete die Fälle in Schweden und Belgien mit Zahlen und Ortsangaben und ordnete sie als Fortsetzung der französischen Welle ein: «Jemand hatte aus der Ferne die Abtaufunktion eingeschaltet.» Der Podcast nannte rund 700 betroffene französische Supermärkte, den Hinweis von Danfoss auf veraltete Steuergeräte und die Ermittlungen der Pariser Staatsanwaltschaft; ob in allen Ländern dieselben Täter am Werk seien, sei offen. Die Zahl von 21'000 Euro Schaden in einem einzelnen Markt bei Bordeaux liess sich nicht überprüfen.

«Morning Wire» von Daily Wire brachte die Meldung knapper, mit Irland und Estland als zusätzlichen Ländern, den 13 SuperValu-Läden und der Temperatur von 122 Grad Fahrenheit, und stellte sie in eine Reihe mit anderen Cyberangriffen des Tages, darunter gefälschte Luftalarme in der Ukraine. Beide Sendungen betonten, dass Ursache und Ausmass noch untersucht werden; keine spekulierte über Täter.

Klartext

Die Angreifer sind keine Genies. Sie fanden Kühlsteuerungen, die offen am Internet hingen, mit Standardpasswörtern und einer Software, deren Lücke seit über einem Jahr geschlossen war. Wer ein Gerät seit zehn Jahren nicht mehr aktualisiert und trotzdem ans Netz hängt, trägt die Verantwortung selbst, und die Rechnung zahlen am Ende die Kunden über die Preise. Die Antwort heisst Updates einspielen und Steuerungen vom offenen Netz trennen, nicht eine weitere Brüsseler Richtlinie. Dass die Kommission den Vorfall sogleich zur Frage der «Ernährungssicherheit» erhebt, ist der Reflex, aus jedem Versäumnis privater Betreiber einen Auftrag für mehr Zentralisierung zu machen.

«Jemand hatte aus der Ferne die Abtaufunktion eingeschaltet.»

– TE Wecker, Tichys Einblick, 3. November 2026