Mittwoch, 4. November 2026

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Rekord-Hack bei Binance: 6,3 Milliarden Dollar weg, die Börse will den Schaden selbst tragen

Bei der weltgrössten Kryptobörse sind nach Firmenangaben rund 6,3 Milliarden Dollar abgeflossen – mehr als viermal so viel wie beim bisherigen Rekord-Hack. Binance verspricht, alle Verluste zu decken; Tether und Circle sperrten einen Teil der Beute, Bitcoin fiel deutlich.

Die weltgrösste Kryptobörse Binance ist Opfer des bislang grössten Diebstahls in der Geschichte der Kryptowährungen geworden. Am Donnerstagabend flossen innert Minuten Milliardenbeträge aus Wallets der Börse ab. Binance beziffert den Schaden laut Blick inzwischen auf rund 6,3 Milliarden Dollar. Im «Börsenwecker» von Tichys Einblick eröffnete Moderator Philipp Mattheis die Sendung vom Freitag ausnahmsweise mit Krypto statt mit Aktien – und nannte damals noch eine Spanne von 3 bis 6 Milliarden Dollar.

Was bisher bekannt ist

Laut On-Chain-Daten, die Decrypt ausgewertet hat, begann der Abfluss um 20.24 Uhr UTC. Eine einzige Transaktion verschob 167'464 Ether sowie 63 weitere Token-Transfers, darunter 1,615 Milliarden Tether (USDT), auf eine neue Adresse. Rund drei Minuten zuvor hatte eine über den Mixer Tornado Cash finanzierte Adresse eine sogenannte EIP-7702-Delegation für eine Binance-Hot-Wallet eingereicht. Insgesamt zählte Decrypt mindestens 5,57 Milliarden Dollar auf Ethereum, Bitcoin und Tron, davon rund 18'270 Bitcoin.

Als Einfallstor nennt Binance nach ersten Erkenntnissen den kompromittierten Laptop eines DevOps-Ingenieurs. Über einen internen Dienst hätten die Angreifer unautorisierte Auszahlungen ausgelöst; Hinweise auf gestohlene private Schlüssel gebe es nicht, berichtet Blick. Co-CEO Richard Teng sprach laut Yahoo Finance von einem komplexen Angriff, der nicht von einer Einzelperson ausgeführt worden sei. Die Analysefirmen TRM Labs und Elliptic bringen den Diebstahl mit nordkoreanischen Hackern in Verbindung; TRM ordnet ihn der Gruppe TraderTraitor zu, die auch hinter dem Bybit-Hack vom Februar 2025 stehen soll. Mit damals rund 1,5 Milliarden Dollar galt jener Fall bisher als Rekord.

Wer den Schaden trägt

Binance hat alle Ein- und Auszahlungen gestoppt. Teng versprach laut Yahoo Finance, sämtliche Verluste zu decken, aus dem Notfallfonds SAFU und aus Firmenmitteln. Co-CEO Yi He stellte die Wiederaufnahme der Auszahlungen bis Sonntag in Aussicht. Nach Abschluss der Untersuchung will die Börse einen aktualisierten Reservenachweis und einen technischen Bericht veröffentlichen. Gründer Changpeng Zhao, der Binance nicht mehr führt, schrieb auf X, es sehe tatsächlich nach einem Hack aus; die Gelder der Nutzer seien sicher.

Auch Mattheis hielt die Zahlungsfähigkeit der Börse nicht für das Hauptproblem: Binance verfüge über einen Sicherheitsfonds und gewaltige Cash-Reserven. Ähnlich äusserte sich laut Yahoo Finance Sean Farrell von Fundstrat, der kein Solvenzereignis sieht. Für Bitcoin und Krypto allgemein sei ein solcher Vorfall aber «überhaupt nicht gut», sagte Mattheis. Hacks bei Börsen und Wallets hätten sich zuletzt gehäuft; dieses Jahr seien insgesamt 8 Milliarden Dollar gestohlen worden. Überprüfen liess sich diese Jahreszahl nicht. Seine Angabe, Binance komme auf einen Marktanteil von fast 40 Prozent, liess sich ebenfalls nicht unabhängig bestätigen.

Eingefroren – aber nur, was sich einfrieren lässt

Ein Teil der Beute ist blockiert. Tether-Chef Paolo Ardoino zufolge wurden mehr als 1,567 Milliarden USDT eingefroren, Circle-Chef Jeremy Allaire meldete über 800 Millionen USDC, gesperrt in Abstimmung mit Strafverfolgungsbehörden. Laut Blick fror auch Ripple rund 200 Millionen Dollar ein. Binance selbst sprach zunächst von rund 3 Milliarden, später von 2,54 Milliarden Dollar, die nachweislich gesperrt seien. Elliptic schätzt, dass die Angreifer weiterhin über mehr als 3 Milliarden Dollar verfügen, die kein Herausgeber direkt sperren kann. Der Täter tauschte gestohlene Stablecoins über dezentrale Börsen wie Uniswap rasch in Ether.

Dass Tether und Circle Guthaben per Knopfdruck einfrieren können, hat hier Milliarden gerettet. Dieselbe Fähigkeit bedeutet aber, dass private Herausgeber, auf Druck von Behörden oder aus eigenem Ermessen, über die Verfügbarkeit fremder Gelder entscheiden.

Marktreaktion

Bitcoin fiel in der Nacht auf Freitag um rund 5 Prozent auf etwa 76'600 Dollar, Ether um 4 Prozent auf rund 2200 Dollar. Der Binance-Token BNB verlor zeitweise rund 7 Prozent. Laut Blick wurden innerhalb einer Stunde gehebelte Wetten auf steigende Kurse im Umfang von 627 Millionen Dollar zwangsaufgelöst. An der Wall Street gaben Aktien von Circle, Coinbase, Robinhood und Strategy zwischen 8 und 14 Prozent nach. Kreditplattformen wie Aave und Kamino schränkten Märkte ein.

Mattheis erwartete einen turbulenten Börsentag, zumal der Hack mit schwachen Tech-Zahlen zusammenfiel: Alphabet hatte am Vortag nach enttäuschenden Ergebnissen im Suchgeschäft deutlich verloren.

Klartext

Bemerkenswert ist, wer die Rechnung bezahlt: Binance will den Schaden aus dem eigenen Notfallfonds und aus Firmenmitteln decken. So soll Haftung in einem freien Markt funktionieren: Wer fremdes Geld verwahrt, steht für den Verlust gerade, und die Börse wird sich an diesem Versprechen und am angekündigten Reservenachweis messen lassen müssen. Der Fall zeigt aber auch, dass wer Kryptowährungen bei einer zentralen Börse lagert, das Risiko eines Unternehmens trägt, bis hin zum Laptop eines einzelnen Ingenieurs. Und er legt einen Zielkonflikt offen: Gerettet haben viel Geld ausgerechnet zentrale Herausgeber, die Guthaben nach eigenem Ermessen sperren können. Wer Kryptowährungen als staatsfernes Geld schätzt, sollte beides ernst nehmen, die Eigenverantwortung für die Verwahrung und die Macht, die bei den Stablecoin-Herausgebern liegt.

«Die Hacks bei Börsen und Wallets, die haben sich in letzter Zeit wirklich gehäuft.»

– Philipp Mattheis, «Tichys Börsenwecker»