Tech-Ausverkauf vor den Midterms: Apple warnt vor Speicherkosten, Oracle holt 20 Milliarden, Alstom bricht ein
Der Nasdaq startet mit Verlusten in den November, Apple liefert Rekordumsatz und einen schwachen Margenausblick, Oracle und Marvell zeigen, wie teuer der KI-Ausbau geworden ist. Die Statistik nach Zwischenwahlen spricht trotzdem für die Bullen.
Die Wall Street hat die neue Woche so begonnen, wie sie die alte beendet hatte: mit Verkäufen im Technologiesektor. Der S&P 500 schloss am Montag 0,5 Prozent tiefer bei 7541 Punkten, der Nasdaq Composite verlor 1,1 Prozent auf 25'164 Punkte. Nur der Dow Jones legte 0,4 Prozent zu. Am Freitag zuvor war der Nasdaq um 2,9 Prozent eingebrochen, der schlechteste Tag seit Juni; der S&P 500 gab 1,8 Prozent nach, der Oktober war für beide Indizes ein Verlustmonat.
Apple schlägt die Erwartungen, warnt aber vor den Speicherkosten
Nach Börsenschluss legte Apple die Zahlen zum vierten Geschäftsquartal vor. Der Umsatz stieg um 12 Prozent auf 114,5 Milliarden Dollar, der Gewinn pro Aktie lag mit 2,10 Dollar über den erwarteten 1,99 Dollar, die Bruttomarge bei 47,9 Prozent. China blieb mit 17,5 Milliarden Dollar unter den Schätzungen. Belastet hat der Ausblick: Für das Weihnachtsquartal stellt Apple nur noch eine Bruttomarge von 45 bis 46 Prozent in Aussicht. Konzernchef John Ternus räumte laut RTÉ höhere Speicherkosten gegenüber dem Juni-Quartal ein; Finanzchef Kevan Parekh erwartet, dass die Preise für Speicherchips bis ins nächste Jahr weiter steigen. Die Aktie fiel nachbörslich zeitweise um rund 4 Prozent.
KI-Ausbau auf Kredit: Oracle und Marvell
Zwei Meldungen vom Montag zeigen, wie teuer der KI-Wettlauf geworden ist. Oracle will laut Börsenprospekt 20 Milliarden Dollar aufnehmen, je zur Hälfte über neue Aktien und über Anleihen, um Rechenzentren zu bauen. Die Aktien wurden mit einem Abschlag von gut 11 Prozent zum Freitagskurs platziert, die Anleihen tragen Zinsen zwischen 7 und 8,65 Prozent; der Kurs fiel um rund 8 Prozent. Der Chipkonzern Marvell kündigte an, den Optik-Spezialisten Lumentum in einem reinen Aktientausch zu übernehmen, Unternehmenswert rund 115 Milliarden Dollar, Prämie knapp 24 Prozent. Die Anleger strafen den Käufer ab: Marvell verlor laut CNBC fast 13 Prozent, Lumentum 18 Prozent.
Alstom bricht ein, Öl wird billiger, Peking greift ein
In Europa stürzte die Aktie des französischen Zugbauers Alstom in Paris zeitweise um 30 Prozent ab. Der Konzern senkte zum zweiten Mal in diesem Jahr die Prognose: operative Marge rund 1 statt 6,5 Prozent, Cashabfluss von 1,5 Milliarden Euro. Ursache sind laut RTÉ technische Probleme und zusätzliche Tests beim Regionalzug Coradia Max, den deutsche Bundesländer bestellt haben.
Entlastung kam vom Öl: Brent fiel um 7,6 Prozent auf 104,77 Dollar, der grösste Tagesverlust seit Juli, nachdem Teheran Gespräche über ein Ende des Iran-Kriegs signalisiert hatte. In China lockerte die Börsenaufsicht die Regeln für Aktienrückkäufe, drängte Indexschwergewichte zu Rückkäufen und reaktivierte eine Liquiditätsfazilität der Zentralbank für Broker und Fonds; der CSI 300 hatte im Oktober 8,5 Prozent verloren, der schlechteste Monat seit über zehn Jahren. Die im «Börsenwecker» genannte Summe von umgerechnet 80 Milliarden Dollar liess sich nicht bestätigen.
Die Statistik vor den Midterms
Heute wählt Amerika. Historisch ist das für Aktien ein gutes Omen: Seit 1950 stand der S&P 500 zwölf Monate nach jeder Zwischenwahl höher, im Durchschnitt um rund 15 bis 17 Prozent, je nach Messmethode.
Was die Podcasts sagen
Philipp Mattheis, der den «Börsenwecker» von Tichys Einblick aus Bangkok moderiert, bleibt konstruktiv. Die Nachfrage nach Chips bleibe hoch, der Markt frage aber immer kritischer, ob sich die Riesensummen der Hyperscaler je rentieren. Entscheidend sei die Finanzierung: «die Hyperscaler, die konkurrieren mit ihrer Schuldenaufnahme plötzlich mit dem amerikanischen Staat», und das treibe die Renditen. Zum Wahltag bleibt er gelassen: «Und das mögen Märkte eigentlich ganz gerne, wenn die Politik keinen Schaden anrichten kann.»
«Morning Wire» von The Daily Wire zeichnete am Montag ein nervöseres Bild. Reporterin Megan Basham erinnerte an den Dotcom-Crash von 2000 und zitierte den Marktstrategen Chris Vermeulen (The Technical Traders): «Wir sehen einfach viel Angst im Markt. Die Anleger, sie wissen nicht, was sie tun sollen. Sie verkaufen heute und flüchten in Sicherheit.» Beide Sendungen stimmen darin überein, dass nicht die Nachfrage nach KI das Problem ist, sondern der Preis, den die Konzerne dafür zahlen. Wo Mattheis die Saisonalität und die Midterm-Statistik auf der Seite der Bullen sieht, verknüpft «Morning Wire» den Ausverkauf mit einer NBC-Umfrage, nach der erstmals seit 30 Jahren eine Mehrheit der Wähler mit den eigenen Finanzen unzufrieden ist.
Klartext
Der Markt macht gerade das, was er soll: Er prüft die Rechnung. Wer wie Oracle Aktien mit elf Prozent Rabatt verkauft und Anleihen zu über acht Prozent begibt, zahlt für seinen KI-Traum einen Preis, den Aktionäre bisher ignoriert haben. Das ist keine Krise, sondern Kapitalismus, der funktioniert: Kapital wird teurer, Fehlallokationen werden sichtbar, Apple reicht die Speicherkosten an die Kunden weiter statt an den Staat zu appellieren. Für Anleger gilt: Die Korrektur ist gesund, die Panik nicht.
«Und das mögen Märkte eigentlich ganz gerne, wenn die Politik keinen Schaden anrichten kann.»
– Philipp Mattheis, Tichys Börsenwecker vom 2. November 2026