Ohne Europa: Melania Trump lädt ins Weisse Haus, Abu Dhabi verhandelt ab 10. November
Washington nimmt nach neun Monaten Pause die Ukraine-Gespräche wieder auf: am Donnerstag im Weissen Haus, nächste Woche am Golf. Die EU erfährt davon in Brüssel, als Zuhörerin.
Die Vereinigten Staaten setzen ihre Vermittlung im Ukraine-Krieg wieder in Gang, und zwar zweigleisig. Am Donnerstag, 5. November, empfängt First Lady Melania Trump Vertreter Russlands und der Ukraine im Weissen Haus; um 11 Uhr Ostküstenzeit will sie zur Waffenruhe von Oleschky sprechen. Wer für die beiden Länder kommt, sagt das Weisse Haus nicht (Kyiv Post). Am 10. und 11. November folgen in Abu Dhabi Gespräche auf Arbeitsebene zwischen Russland, der Ukraine und den USA, wie Sondergesandter Steve Witkoff am Montag auf X ankündigte (Kyiv Post). Es sind die ersten trilateralen Verhandlungen seit Februar; damals kam der Prozess zum Erliegen, als sich Washington auf den Krieg mit dem Iran konzentrierte (RFE/RL).
Was in Oleschky geschah
Das Weisse Haus hatte am 23. Oktober eine örtlich begrenzte Waffenruhe für die Stadt Oleschky im Gebiet Cherson verkündet. Die First Lady und ihr Vertreter hätten die Bedingungen direkt mit der russischen und der ukrainischen Führung ausgehandelt; sie trat dabei als «Exclusive Intermediary» auf (Weisses Haus). Von einst 24'000 Einwohnern sind laut Weissem Haus noch 1700 bis 2000 da, meist Ältere. Die humanitäre Operation begann laut Kyiv Post am 27. Oktober und endete am Sonntagabend. Mehrere hundert Zivilisten wurden evakuiert; rund 80 Prozent von ihnen wählten laut dem ukrainischen Ombudsmann Dmytro Lubinez ukrainisch kontrolliertes Gebiet (Kyiv Post). Der Operation ging ein Kanal voraus, über den die First Lady in sechs Schritten 34 ukrainische und russische Kinder mit ihren Familien zusammengeführt hatte (Fox News). Kremlsprecher Dmitri Peskow begrüsste ihren Beitrag (NBC News). Ukrainische Soldaten vermuteten, Russland habe die Pause für Truppenrotationen genutzt; Lubinez widersprach.
Abu Dhabi: die vierte Runde
Witkoff nannte als Themen Sicherheitsvereinbarungen für die Zeit nach dem Krieg, Deeskalation, humanitäre Massnahmen und die nächsten Schritte zum Frieden. Für die USA verhandeln Witkoff und Jared Kushner, für Moskau laut Peskow Putin-Berater Wladimir Medinski (CNBC). Drei Runden brachten bisher Gefangenenaustausche, aber keine Einigung. Die Streitpunkte sind dieselben wie damals: Vizeaussenminister Alexander Gruschko verlangt den Verzicht der Ukraine auf die NATO und auf ausländische Truppen, Selenskyj lehnt Neutralität und Beschränkungen seiner Armee ab (Kyiv Post). Laut Morning Wire fordert Moskau zudem die Abtretung des gesamten Donezker Gebiets, was Selenskyj zurückweise.
Europa sitzt nicht am Tisch. Stattdessen treffen US-Unterhändler diese Woche in Brüssel Vertreter Frankreichs, Deutschlands, Grossbritanniens, der EU und der NATO, um über Sicherheitsgarantien und den Wiederaufbau zu sprechen (RFE/RL). Wie gespalten Europa ist, zeigte das Telefonat, das Finnlands Präsident Alexander Stubb und Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre am 27. Oktober mit Wladimir Putin führten: Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen zeigte sich sehr skeptisch, Italien verlangte ein klares europäisches Mandat. Stubb hielt dagegen, das Kriegsende erreiche man «nicht durch Schweigen» (Tagesspiegel).
Was die Podcasts sagen
In «Morning Wire» des Daily Wire gab John Bickley die Darstellung des Büros der First Lady wieder, sie habe «die beiden Länder eigenständig zusammengebracht und die Waffenruhe gesichert»; fast 800 Menschen hätten fliehen können, 34 Kinder seien über einen direkten Kanal zu Putin zurückgekehrt. Kyiv Post spricht von mehreren hundert Evakuierten.
«Kontrafunk aktuell» widmete dem Thema ein langes Gespräch mit Jacques Baud, ehemaliger Schweizer Nachrichtenoffizier und Oberst, Autor des neuen Buchs «Frieden in der Ukraine». Baud steht seit dem 15. Dezember 2025 auf der EU-Sanktionsliste; seine Bankkonten sind eingefroren, er darf nicht in die EU einreisen (foraus). Dass Europa in Abu Dhabi fehlt, nennt er eine Niederlage, die sich Europa selbst zuzuschreiben habe: «Sie haben nie einen Vorschlag auf den Tisch gebracht.» Die USA seien als Kriegspartei ein schwieriger Vermittler: «Da muss man zuerst neutral sein. Das ist er nicht.» In Istanbul 2022 sei Russland bereit gewesen, gegen die Neutralität der Ukraine abzuziehen; je länger man warte, desto kleiner werde Kiews Spielraum. «Ich behaupte, wir werden einmal Frieden haben. Das bin ich überzeugt. Die Frage ist immer die Kosten von diesem Frieden.»
Zwei Belege Bauds liessen sich nur teilweise prüfen. Er zitiert Kaja Kallas mit der Aussage, ein rascher Frieden wäre nicht gut für die Ukraine; belegt ist nur eine Warnung der EU-Aussenbeauftragten vom Dezember 2024 vor verfrühten Verhandlungen. Und er verweist auf den norwegischen Aussenminister Espen Barth Eide, der mit 80 Prozent des Territoriums rechne; Eide wird in einem Bericht so wiedergegeben, dass ein Friedensabkommen eine unabhängige Ukraine mit 80 Prozent ihres Gebiets sichern könne (Responsible Statecraft).
Klartext
Europa zahlt am meisten und sitzt nicht am Tisch. Das liegt nicht an Washington, sondern an Brüssel: Wer vier Jahre lang keinen eigenen Vorschlag macht und jedes Gespräch mit Moskau als Verrat behandelt, wird nicht eingeladen, sondern informiert. Stubb und Støre haben getan, was die Union hätte tun müssen, und wurden dafür von den eigenen Partnern abgekanzelt. Die Rechnung für Wiederaufbau und Sicherheitsgarantien wird dennoch bei den europäischen Steuerzahlern landen, während die Bedingungen in Abu Dhabi ausgehandelt werden. Frieden entsteht am Verhandlungstisch; wer ihn meidet, überlässt anderen das Ergebnis.
«Sie haben nie einen Vorschlag auf den Tisch gebracht.»
– Jacques Baud, ehemaliger Schweizer Nachrichtenoffizier, in «Kontrafunk aktuell»
«Ich behaupte, wir werden einmal Frieden haben. Das bin ich überzeugt.»
– Jacques Baud in «Kontrafunk aktuell»