Mittwoch, 4. November 2026

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Schweiz · Kernenergie

Andrang im KKW Leibstadt: Wer selber hinschaut, will vor der Atom-Abstimmung Fakten

Immer mehr Menschen besichtigen das grösste Kraftwerk der Schweiz. Sie fragen nach Stromsicherheit, Abfall und Kosten, und vor der Abstimmung vom 28. Februar über das AKW-Neubauverbot immer öfter auch nach der Zukunft.

Das Kernkraftwerk Leibstadt (KKL) erlebt einen Besucherandrang. 2025 seien rund 15'000 Besucherinnen und Besucher registriert worden, 20 Prozent mehr als im Vorjahr, sagte Besucherführerin Nicole Försterling in der 50. Folge von «NucTalk», dem Podcast des Nuklearforums Schweiz. Für 2026 lägen schon fast 12'000 Anmeldungen vor, sagte sie Mitte September. Unabhängig überprüfen liessen sich diese Zahlen nicht. Die letzte vom Nuklearforum veröffentlichte Zahl stammt aus dem Jahr 2023: Damals kamen 12'963 Personen nach Leibstadt, insgesamt besuchten über 29'000 Menschen die Schweizer Kernanlagen.

Für die Folge begleitete Matthias Rey vom Nuklearforum eine Führung. Etwa 30 Prozent der Gruppen seien Schulklassen, sagte Försterling, dazu kämen Vereine, politische Gruppen und Einzelbesucher. Die Standardführung dauert rund drei Stunden: anderthalb Stunden im Informationszentrum, danach geht es aufs Areal, bis vor den Kühlturm und an den Kommandoraum.

Die Abstimmung ist im Besucherzentrum angekommen

Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Das Parlament hat am 19. Juni 2026 den Gegenvorschlag zur Initiative «Blackout stoppen» verabschiedet und damit das Neubauverbot für Kernkraftwerke aus dem Kernenergiegesetz gestrichen. Ein Bündnis aus SP, Grünen, GLP und Teilen der Mitte hat das Referendum eingereicht. Der Bundesrat hat am 28. Oktober entschieden, dass das Volk am 28. Februar 2027 über die Änderung abstimmt.

Das spüre man bei den Führungen, sagte Försterling. Die Frage nach der Abstimmung tauche «wesentlich häufiger» auf. Politische Diskussionen führe man im Werk zwar nicht, aber die Besucher wollten verstehen, wie die Stromversorgung überhaupt funktioniere, was das Werk zur Versorgungssicherheit beitrage und wie sich das auf die eigene Stromrechnung auswirke. Zunehmend werde auch nach neuen Reaktortypen gefragt. Rey schloss mit dem Wunsch, dass bis zur Abstimmung möglichst viele die Führungen mitmachen, «im Sinne einer wissensbasierten Meinungsbildung».

Was das Werk liefert, und zu welchem Preis

Die Zahlen, über die in Leibstadt gesprochen wird, sind öffentlich. Das KKL ist laut Geschäftsbericht das leistungsstärkste Kraftwerk der Schweiz. 2025 lieferte es netto 9558 Gigawattstunden Strom, zu normalisierten Produktionskosten von 4,9 Rappen pro Kilowattstunde. Seit der Inbetriebnahme 1984 hat die Betreiberin über 1,8 Milliarden Franken in Erneuerung und Modernisierung gesteckt, 2025 allein 98,4 Millionen. Nach Angaben des Werks deckte es im letzten Betriebszyklus rund 16 Prozent des Schweizer Strombedarfs. Mit einer Nettoleistung von 1233 Megawatt (ENSI) läuft es, wie Försterling erklärte, praktisch immer unter Volllast: «Wir sind ein Grundlastkraftwerk.»

Die Gegner rechnen anders. Ein neues Kernkraftwerk koste bis zu 43 Milliarden Franken, argumentiert das Referendumsbündnis. Die Mitte wollte die Vorlage deshalb im Juni an den Bundesrat zurückweisen, bis die Finanzierung geklärt sei. Das scheiterte im Nationalrat knapp mit 100 zu 98 Stimmen. Der Bundesrat muss nun bis Ende Jahr einen Bericht über die Finanzierungsmöglichkeiten vorlegen. Hans-Ulrich Bigler, Präsident des Nuklearforums, hatte die Bedingung als Sonderregel kritisiert, die für keine andere Technologie gelte: Solange weder Standort noch Reaktortyp bekannt seien, sei die Finanzierungsfrage «Kaffeesatzlesen». «Dieses Argument ist reine Verzögerungstaktik.»

Strahlung, Abfall, Energiedichte

Am meisten Fragen gibt es zu Strahlung und Abfall, und auch Tschernobyl und Fukushima sind je nach Altersgruppe ein Thema. Försterling erklärte der Gruppe die Kontrollzonen, den vollständigen Kleiderwechsel und die zwei Dosimeter, die jeder Mitarbeitende trägt. Der gesetzliche Jahresgrenzwert von 20 Millisievert werde in der Regel nicht annähernd erreicht. Zum Abfall verwies sie auf das Zwischenlager Zwilag in Würenlingen und den Standort Nördlich Lägern. Die Nagra hat Ende 2024 das Rahmenbewilligungsgesuch für das Tiefenlager eingereicht; der Bundesrat entscheidet voraussichtlich gegen Ende des Jahrzehnts.

Im Reaktorkern stehen 648 Brennelemente, bei der Revision im Mai wurden 140 davon ersetzt. Zwei bis drei Brennstoff-Pellets, rechnete Försterling vor, reichten, um einen Vierpersonenhaushalt ein Jahr lang mit Strom zu versorgen.

Besucher aus dem Ausstiegsland

Auffällig ist das Publikum aus dem Norden. Nach dem deutschen Atomausstieg seien zunächst weniger Deutsche gekommen, inzwischen habe es sich stabilisiert, sagte Försterling. Viele reisten sogar aus Ostdeutschland und Österreich an, weil es für sie «die einzige Möglichkeit» sei, mehr zu erfahren: «In Deutschland gibt es gar nicht mehr die Möglichkeit.» Sie selbst ist in Deutschland mit der Anti-AKW-Bewegung aufgewachsen, «da bin ich durchaus mitgelaufen», und zwar ohne Sachkenntnis, wie sie sagt. Heute gilt für sie: «Bevor ich mir eine Meinung über irgendetwas bilde, möchte ich wenigstens ein Minimum darüber wissen.»

Klartext

Dass die Leute nach Leibstadt fahren, um sich selbst ein Bild zu machen, ist das beste Zeichen vor dieser Abstimmung. Wer vor Ort sieht, was ein Werk leistet, das für 4,9 Rappen pro Kilowattstunde einen Sechstel des Landesbedarfs deckt, lässt sich von Angstbildern weniger leicht beeindrucken. Die Forderung, zuerst die Finanzierung eines Reaktors zu klären, den noch niemand bauen will, ist eine Ausrede: Ein Verbot aufzuheben heisst nicht, etwas zu bauen, sondern die Wahl offenzuhalten. Deutschland zeigt, wohin der umgekehrte Weg führt, bis die eigenen Bürger ins Ausland fahren müssen, um ein Kernkraftwerk von innen zu sehen. Am 28. Februar geht es um Technologieoffenheit, und die gehört in ein freies Land.

«Bevor ich mir eine Meinung über irgendetwas bilde, möchte ich wenigstens ein Minimum darüber wissen.»

– Nicole Försterling, Besucherführerin im KKW Leibstadt, im Podcast «NucTalk»