Mittwoch, 4. November 2026

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Deutschland · Verteidigung

Milliarden für Kampfhubschrauber, die nicht schiessen dürfen: Rechnungshof stellt Pistorius' Vorzeigeprojekt in Frage

Die Bundeswehr hat 82 leichte Kampfhubschrauber H145M bestellt, doch für die Munition der Bordkanone fehlt die Sicherheitsfreigabe und die Panzerabwehrrakete ist noch nicht erprobt. Am Mittwoch soll der Haushaltsausschuss trotzdem 384 Millionen Euro für Lenkflugkörper freigeben.

Es war das Vorzeigeprojekt der «Zeitenwende»: Weniger als ein Jahr nach der Bestellung übergab Airbus im November 2024 den ersten leichten Kampfhubschrauber H145M an die Bundeswehr. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) sprach damals von einem «herausragenden Beispiel dafür, dass wir die Drehzahl in der Beschaffung deutlich erhöht haben». Zwei Jahre später zeigt ein vertraulicher Bericht des Bundesrechnungshofs an den Bundestag, aus dem der «Spiegel» am Wochenende zitierte: Die Maschinen fliegen, aber kämpfen können sie vorerst nicht.

Munition ohne Freigabe, Rakete ohne Erprobung

Kern des Problems ist die Bewaffnung. Für die 20-Millimeter-Munition der Bordkanone gibt es laut dem Prüfbericht keine Sicherheitsfreigabe, weil das Anzündhütchen empfindlich auf elektrostatische Entladungen reagiert. Wann der Hersteller den Mangel behebt, ist offen. Munition ist, abgesehen von Qualifikationsmengen, nicht einmal Teil des Rahmenvertrags mit Airbus, wie das Fachportal «Sicherheit & Verteidigung» aus dem Bericht referiert. Die ersten Maschinen wurden deshalb in einer vorläufigen Konfiguration geliefert, mit der sich ausbilden, aber nicht kämpfen lässt. Das Kampfhubschrauberregiment 36 in Fritzlar hätte eigentlich Mitte 2026 die ersten bewaffneten Hubschrauber erhalten sollen.

Auch die Panzerabwehr stockt. Als Lenkflugkörper ist die israelische Spike ER2 vorgesehen, deren Qualifizierung auf dem H145M die EuroSpike GmbH im bayerischen Röthenbach übernommen hat. Erste Schussversuche endeten im Mai 2025 vorzeitig, weil die Steuerung Probleme machte. Geliefert werden soll frühestens Ende 2027, die Erprobung dauert dann bis 2029, einen Zeitplan, den das Verteidigungsministerium laut «Spiegel» selbst als «sehr ambitioniert und risikobehaftet» einstuft.

Im «TE Wecker» von Tichys Einblick wurde das Projekt am Dienstagmorgen so zusammengefasst: «Doch aus der Bordkanone dürfen die Besatzungen vorerst keinen Schuss abgeben.» Den Aufwand, zivile Hubschrauber kampftauglich zu machen, habe das Ministerium nach dem Urteil der Prüfer unterschätzt.

384 Millionen vor Abschluss der Tests

Trotzdem drückt das Ministerium aufs Tempo. Auf der Tagesordnung des Haushaltsausschusses vom Mittwoch, 4. November, steht als eine von sieben 25-Millionen-Vorlagen die Beschaffung «SPIKE-ER2 für den LKH H145M», wie das Fachmagazin «Europäische Sicherheit & Technik» berichtet. Laut «Spiegel» geht es um rund 384 Millionen Euro. Der Rechnungshof kritisiert, dass der Vertrag vor Abschluss der Erprobung geschlossen werden soll: Es bestehe das Risiko, dass der Flugkörper die Einsatzprüfung nicht besteht und für die Truppe nicht nutzbar wäre.

Die Prüfer gehen weiter. Sie raten, keine weiteren leichten Kampfhubschrauber zu bestellen, bis Airbus nachweist, dass es die vertraglich geschuldete Leistung erbringt; eine weitere Beschaffung sei «weder angezeigt noch notwendig». Pikant daran: Die Option auf 20 zusätzliche Maschinen hat Berlin bereits gezogen. Der Haushaltsausschuss billigte den Abruf am 13. November 2025 für rund eine Milliarde Euro, Airbus gab die Bestellung am 15. Dezember 2025 bekannt. Damit sind es 82 Hubschrauber, 72 für das Heer und 10 für die Spezialkräfte der Luftwaffe. Die ersten 62 hatte der Ausschuss im Dezember 2023 für rund 2,5 bis 2,6 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen freigegeben. Tichys Einblick nennt für das Gesamtpaket samt Ausrüstung und Ausbildung rund 3,7 Milliarden Euro; überprüfen liess sich diese Summe nicht.

Nato-Zusagen in Gefahr

Der Zeitdruck hat einen Grund: Berlin hat der Nato bis 2029 zwölf einsatzbereite Kampfhubschrauber zugesagt und ab 2032 insgesamt 72. Der H145M soll die Lücke schliessen, die der pannenanfällige Tiger hinterlässt, der nur noch bis 2032 fliegen soll. Der Rechnungshof hält es für absehbar, dass die Zusage nicht eingehalten werden kann; das Projekt befinde sich «auf einem kritischen Pfad». Das Verteidigungsministerium weist die Befürchtung zurück, Deutschland könnte seine Nato-Zusagen verfehlen, und will sich die Kritikpunkte genauer ansehen.

Klartext

Der Fall zeigt, was passiert, wenn Beschaffung nach Pressetermin statt nach Pflichtenheft läuft. Pistorius kaufte einen zivilen Rettungshubschrauber in Rekordzeit und verkaufte das als Zeitenwende, doch ohne freigegebene Munition und ohne erprobte Rakete ist ein Kampfhubschrauber ein teures Schulflugzeug. Dass der Haushaltsausschuss nun 384 Millionen Euro für eine Rakete bewilligen soll, die ihre Erprobung noch nicht bestanden hat, wiederholt denselben Fehler mit Steuergeld. Wer dem Steuerzahler Hunderte Milliarden für die Verteidigung abverlangt, schuldet ihm funktionierende Waffen, nicht Übergabefotos. Die Abgeordneten sollten den Rechnungshof ernst nehmen und die Freigabe an den Nachweis knüpfen, dass die Waffen funktionieren.

«Doch aus der Bordkanone dürfen die Besatzungen vorerst keinen Schuss abgeben.»

– TE Wecker von Tichys Einblick, 3. November 2026