Mittwoch, 4. November 2026

The Daily Dispatch

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Deutschland · Wirtschaftspolitik

Mehr Umsatz, weniger Ware: Deutschlands Einzelhandel verliert real 2,3 Prozent

Das Statistische Bundesamt meldet für September nominal steigende, real sinkende Umsätze. Während die Regierung Wachstum feiert, frisst die Inflation die Kaufkraft der Haushalte.

Die deutschen Händler haben im September mehr eingenommen und trotzdem weniger verkauft. Nach den am 2. November veröffentlichten vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamts lag der Umsatz des Einzelhandels nominal 1,2 Prozent über dem Vorjahresmonat, preisbereinigt aber 2,3 Prozent darunter. Gegenüber dem August sank der reale Umsatz kalender- und saisonbereinigt um 2,0 Prozent. Der kurze Aufschwung des Sommers ist damit verpufft, zumal die Augustzahl nachträglich auf real plus 1,2 Prozent gesenkt wurde.

Tankstellen: 16 Prozent mehr Einnahmen, 9 Prozent weniger Absatz

Am deutlichsten zeigt sich die Schere zwischen Preis und Menge an den Zapfsäulen. Die Tankstellen nahmen laut Destatis 16,2 Prozent mehr ein als vor einem Jahr, verkauften real aber 9,3 Prozent weniger; in diesen Zahlen stecken auch die Verkäufe in den Tankstellenshops. Der Grund steht in der Preisstatistik: Kraftstoffe waren im September 37,1 Prozent teurer als im Vorjahresmonat, Energie insgesamt 14,9 Prozent. Die Inflationsrate erreichte mit 3,3 Prozent einen Jahreshöchststand. Wer das Auto für den Arbeitsweg braucht, kann diesen Ausgaben kaum ausweichen und spart anderswo.

Selbst beim Essen wird gespart: Der Lebensmittelhandel setzte real 1,1 Prozent weniger um als im Vorjahr, im Handel ausserhalb der Lebensmittel betrug das reale Minus 2,8 Prozent. Nur der Internet- und Versandhandel wuchs, real um 4,4 Prozent.

Gastronomie verliert real 5,7 Prozent

Das Gastgewerbe trifft es noch härter. Im ersten Halbjahr 2026 setzte die Gastronomie nach Angaben von Destatis real 5,7 Prozent weniger um als im Vorjahreszeitraum, nominal 2,2 Prozent mehr. Hotels und andere Beherbergungsbetriebe verloren real 3,2 Prozent. Der Restaurantbesuch ist für viele Haushalte offenbar der erste Posten, der gestrichen wird.

«Scheinwachstum»: Kolbe gegen die Herbstprojektion

Die Bundesregierung hat am 8. Oktober ihre Herbstprojektion vorgestellt und erwartet für 2026 ein Wachstum von 1,3 Prozent. «Die deutsche Wirtschaft ist wieder auf Wachstumskurs», heisst es auf bundesregierung.de; getragen werde das Wachstum vor allem von robusten Exporten und staatlichen Investitionen, der private Konsum entwickle sich noch verhalten. Für das Jahr rechnet die Regierung mit einer Verbraucherpreisrate von 2,7 Prozent.

Im «TE Wecker» von Tichys Einblick hiess es, die Händler sähen das etwas anders, ihre September-Bilanz falle vernichtend aus. Der Wirtschaftsjournalist Thomas Kolbe schreibt bei Tichys Einblick über «das teuer erkaufte Scheinwachstum» und ein «Konjunkturstrohfeuer von 1,3 Prozent Wachstum». «Die Inflation von inzwischen über drei Prozent nagt an der Kaufkraft im Land», so Kolbe. Seine Diagnose: «Deutsche Haushalte sind ganz offensichtlich gezwungen, ihr Geld zusammenzuhalten.» Als Ursachen nennt er steigende Energiekosten, die hohen Dieselpreise und die Schuldenpolitik der Regierung Merz.

Industrie verliert Arbeitsplätze

Kolbe schreibt zudem: «Zwischen 10.000 und 12.000 Industriejobs gehen derzeit jeden Monat verloren.» Die amtliche Statistik stützt die Grössenordnung: Ende Juni 2026 zählte das Verarbeitende Gewerbe laut Destatis 5,29 Millionen Beschäftigte, 144'100 oder 2,7 Prozent weniger als ein Jahr zuvor, im Schnitt also rund 12'000 pro Monat. Die Autoindustrie allein verlor 42'300 Stellen und ist so schwach besetzt wie seit 2005 nicht mehr.

Kolbe erwartet für dieses Jahr zudem «rekordhohe Insolvenzzahlen». Die Auskunftei Creditreform zählte im ersten Halbjahr 12'900 Unternehmensinsolvenzen, 7,8 Prozent mehr als im Vorjahr und den höchsten Stand seit 2013; einen Allzeitrekord belegen diese Zahlen nicht.

Ein Lichtblick immerhin: Nach der Schnellschätzung von Destatis sank die Inflationsrate im Oktober auf voraussichtlich 2,8 Prozent, weil sich der Preisauftrieb bei Energie auf 12,2 Prozent abschwächte. Die endgültigen Zahlen folgen am 11. November.

Klartext

Die Regierung feiert 1,3 Prozent Wachstum, das aus Staatsausgaben und Exporten stammt, während die Bürger an der Kasse real weniger bekommen. Inflation ist eine Steuer ohne Gesetz: Sie füllt die Staatskasse über Mehrwertsteuer und kalte Progression und leert die Portemonnaies. Dass Kraftstoffe 37 Prozent teurer sind als vor einem Jahr, ist nicht nur Weltmarkt, sondern Folge einer Energiepolitik, die gesicherte Versorgung abbaut und jeden Engpass teuer bezahlt. Wer Kaufkraft zurückgeben will, braucht keine neuen Konjunkturprogramme auf Pump, sondern tiefere Energiesteuern, weniger Abgaben und eine Industriepolitik, die Arbeitsplätze im Land hält statt sie monatlich zu verabschieden.

«Deutsche Haushalte sind ganz offensichtlich gezwungen, ihr Geld zusammenzuhalten»

– Thomas Kolbe, Tichys Einblick, zitiert im «TE Wecker» vom 4. November 2026