Mittwoch, 4. November 2026

The Daily Dispatch

Tägliche Nachrichten, recherchiert und geschrieben aus den Gesprächen, die sich lohnen.

Deutschland · Autoindustrie

Schaeffler streicht 3460 Stellen, BMW rechnet mit roter Null im Autogeschäft

Der Zulieferer schliesst vier deutsche Werke und baut bis 2028 rund 2660 Stellen in Deutschland ab. Am selben Abend senkt BMW seine Margenprognose auf minus 0,5 bis plus 0,5 Prozent.

Der Auto- und Industriezulieferer Schaeffler streicht in Europa netto 3460 Stellen, rund 2660 davon in Deutschland. Das Unternehmen aus Herzogenaurach gab das Programm am Dienstag zusammen mit seinen Neunmonatszahlen bekannt. Betroffen sind 16 europäische Standorte; fünf sollen geschlossen werden, vier davon in Deutschland: Dortmund mit rund 430 und Morbach mit rund 160 Beschäftigten, beide Werke für Verbrennerkomponenten, dazu Berlin mit rund 270 Beschäftigten. Den Standort Schwalbach gibt Schaeffler auf, der Grossteil der rund 385 Mitarbeiter soll nach Frankfurt wechseln. In Belgien schliesst das kleine Werk Herstal. Kapazitäten werden zudem in Erlangen, Schweinfurt, Herzogenaurach, Bühl, Nürnberg und Regensburg sowie in Frankreich und der Slowakei angepasst.

Nach Angaben des Unternehmens entfällt rund die Hälfte des Abbaus auf die Produktion, 30 Prozent auf Forschung und Entwicklung und 20 Prozent auf übrige Funktionen. Der Umbau kostet einmalig rund 480 Millionen Euro, grösstenteils als Rückstellung im laufenden Jahr, und soll ab 2030 rund 300 Millionen Euro pro Jahr einsparen. Die Massnahmen sind vor allem für 2027 und 2028 geplant.

Neun Prozent der Stammbelegschaft

Gemessen an der deutschen Stammbelegschaft von 31'957 Personen per Ende September entspricht der Abbau rund neun Prozent der Stellen bis 2028. Zusammen mit dem im November 2024 beschlossenen Programm über 4700 Stellen und 1800 Anfang Oktober unterzeichneten Altersteilzeitverträgen schrumpft die Belegschaft in Deutschland laut Schaeffler um rund 18 Prozent. Als Gründe nennt der Konzern die Krise im europäischen Automobilgeschäft mit sinkenden Volumen und schärferem Wettbewerb, die schwächere Nachfrage nach Verbrennerteilen, den verzögerten Hochlauf der Elektromobilität, überdurchschnittlich hohe Personalkosten pro Kopf in Deutschland sowie zu viele Führungsebenen.

Neu ist ein «Solidaritätsbeitrag»: ein befristeter, freiwilliger Gehaltsverzicht, der beim Vorstand beginnt und alle Hierarchiestufen umfassen soll. Konzernchef Klaus Rosenfeld bezeichnete ihn laut Mitteilung als wichtigstes Element des Programms; ohne ihn wäre der Stellenabbau nach Angaben des Unternehmens grösser ausgefallen. Produktionsvorstand Jochen Schröder verwies auf Wachstumschancen in der humanoiden Robotik und in der Verteidigung, die einen Teil der wegfallenden Stellen ersetzen sollen.

Die IG Metall kritisierte laut heise autos, bei Schaeffler folge inzwischen ein Abbauprogramm auf das nächste, bevor die Folgen des vorherigen bewältigt seien. VDA-Präsidentin Hildegard Müller sagte gemäss AFP zu Politico: «Politisches Nicht-Handeln kostet jeden Tag weitere Jobs.»

BMW rechnet mit roter Null im Autogeschäft

Am selben Abend senkte BMW seine Prognose zum zweiten Mal in diesem Jahr. Für das Segment Automobile erwartet der Konzern 2026 nur noch eine Ebit-Marge «im Korridor von -0,5 % bis +0,5 %», bisher waren es 1 bis 3 Prozent; im Juni hatte BMW das Ziel bereits von 4 bis 6 Prozent gekappt. Die Kapitalrendite soll zwischen minus 1 und plus 1 Prozent liegen, die Auslieferungen gehen moderat statt leicht zurück. Als Grund nennt BMW erweiterte Portfolio- und Strukturmassnahmen, die im vierten Quartal zu einer nicht-operativen Ergebnisbelastung führen: Ältere Modellgenerationen werden wegen der Nachfrage nach der Neuen Klasse früher ausgephast, die Verschlankung der Managementfunktionen wird beschleunigt. Vor diesen Sondereffekten rechnet BMW weiterhin mit einer Marge über 2 Prozent; den freien Cashflow von über 2,5 Milliarden Euro bestätigt der Konzern. Im dritten Quartal lieferte BMW laut cash-online 551'072 Fahrzeuge aus, 6,3 Prozent weniger als im Vorjahr; in China brach der Absatz um knapp ein Viertel ein.

Im Hintergrund läuft in Brüssel die Überarbeitung des Verbrenner-Aus ab 2035. Laut einem Reuters-Bericht vom 21. Oktober einigten sich die Verhandlungsführer von EVP, S&D und Renew im EU-Parlament auf ein CO2-Minderungsziel von 87,5 statt 100 Prozent für Neuwagen; die Fraktionen und der Rat müssen noch zustimmen.

Was die Podcasts sagen

Der «TE Wecker» von Tichys Einblick ordnet den Abbau als Folge der politisch verordneten Verkehrswende ein: Der Zulieferer «bekommt den Umbau der Autoindustrie von beiden Seiten zu spüren. Die Nachfrage nach Verbrennertechnik sinkt, zugleich zieht das Geschäft mit Elektroantrieben deutlich langsamer an als erwartet.» Der Sender nannte 2600 Stellen in Deutschland, Schaeffler selbst spricht von rund 2660. «Tichys Börsenwecker» meldete 2500 gestrichene Stellen in Deutschland und widmete sich vor allem BMW: Die Marge sei «ein Abklatsch dessen, was es mal war», sagte Philipp Matthais; beide Aktien hätten leicht nachgegeben. Beide Sendungen sehen dieselbe Ursache, die Elektro-Flaute; der TE Wecker betont die Standortkosten und das Verbrennerverbot, der Börsenwecker die Bewertung an der Börse.

Klartext

Dieser Abbau ist kein Betriebsunfall, sondern die Rechnung für eine Industriepolitik, die den Verbrenner per Gesetz abschafft, bevor der Markt den Ersatz will. Schaeffler zahlt doppelt: Die alte Produktion wird politisch entwertet, die neue kommt nicht in Gang. Dazu kommen Personalkosten und Energiepreise, die ein Werk in Deutschland gegenüber der Slowakei oder den USA chancenlos machen. Die Verhandlungen in Brüssel über ein paar Prozentpunkte beim CO2-Ziel ändern daran nichts; nur ein Ende des Verbots und ein Standort, der sich wieder rechnet, bringen die Stellen zurück. Wer die Elektromobilität will, soll sie im Wettbewerb beweisen, nicht per Dekret erzwingen.

«bekommt den Umbau der Autoindustrie von beiden Seiten zu spüren»

– TE Wecker von Tichys Einblick über Schaeffler, 4. November 2026

«Politisches Nicht-Handeln kostet jeden Tag weitere Jobs.»

– Hildegard Müller, VDA-Präsidentin, gegenüber Politico (zitiert nach AFP)