Börsen feiern die Blockade: Dow mit bestem Tag nach einer Zwischenwahl seit 44 Jahren, Öl unter 95 Dollar
Der Machtwechsel im Kongress löst eine Rallye aus: Tech-Riesen und Gold steigen, Öl und KI-Zulieferer fallen. Tichys Börsenwecker und Morning Wire erklären, warum Anleger Stillstand in Washington lieben.
Die Wall Street hat den Machtwechsel in Washington mit einem Kursfeuerwerk quittiert. Der Dow Jones schloss am Mittwoch laut Yahoo Finance bei 53'356 Punkten, ein Plus von 3,03 Prozent oder rund 1570 Punkten, der S&P 500 gewann 1,58 Prozent auf 7689 Punkte, der Nasdaq Composite 1,44 Prozent. Für den Dow war es laut CNN der beste Tag nach einer Zwischenwahl seit 44 Jahren und der stärkste Handelstag seit April 2025. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen lag am Abend bei 4,85 Prozent.
Am stärksten bewegte sich der Ölpreis. Brent fiel laut Benzinga um 8,7 Prozent auf 94,62 Dollar je Barrel, nachdem Vizepräsident J.D. Vance die Niederlage der Republikaner auf den Iran-Krieg zurückgeführt hatte. Händler werteten das Ergebnis als höhere Wahrscheinlichkeit, dass der Krieg beendet wird. Gold stieg um 3,3 Prozent auf 4070 Dollar je Unze, Silber um 4,9 Prozent auf 52,20 Dollar, Bitcoin um rund 4 Prozent auf gut 80'000 Dollar.
Gewinner und Verlierer
Die grossen Technologiekonzerne führten die Rallye an: Amazon legte laut CNBC rund 7 Prozent zu, Microsoft 5,5 Prozent, Alphabet 3 Prozent, Meta und Oracle je 2 Prozent. Auf der Verliererseite standen die Zulieferer des KI-Ausbaus. Der Speicherchip-Hersteller Micron verlor laut Yahoo Finance 7 Prozent, Sandisk fast 8 Prozent, der Rechenzentrumsbetreiber Nebius über 6 Prozent; CoreWeave und IREN gaben nach, Tesla verlor rund 5 Prozent. Grund ist der Sieg der Demokratin Gina Hinojosa im Gouverneursrennen von Texas, die ein Moratorium für neue Rechenzentren fordert. Die Energiewerte litten unter dem Ölpreis.
Tom Lee von Fundstrat nannte den Abverkauf der Tech-Zulieferer laut Yahoo Finance eine Reflexreaktion; Dan Ives erwartet dagegen, dass sich der Ausbau verlangsamt. Die Terminkontrakte für Donnerstag notierten am späten Abend uneinheitlich, die Börsen in Seoul und Tokio eröffneten schwächer.
Was die Podcasts sagen
Tichys Börsenwecker widmete dem Thema am Donnerstagmorgen eine Sonderfolge und nannte vier Gründe für die Rallye. Erstens sei ein grosser Unsicherheitsfaktor beseitigt: Anleger hassten Unsicherheit, und die Zwischenwahlen seien eine gewesen. Zweitens die Statistik: Der S&P 500 sei seit 1950 nach jeder Zwischenwahl gestiegen, im Schnitt stehe der Index zwölf Monate später 15 Prozent höher; überprüfen liess sich diese Zahl nicht. Drittens möge der Markt die geteilte Regierung: «In einem Gridlock kann die Politik schlicht weniger Blödsinn machen.» Viertens der Trump-Faktor: Kein Präsident habe so mit den Märkten gespielt, und selbst eingefleischte Anhänger hätten davon die Nase voll. Gold und Bitcoin stiegen laut Börsenwecker, weil Renditen und Dollar fielen und die Schuldenaufnahme wieder Fahrt aufnehmen dürfte. Die Chancen auf eine Jahresendrallye stünden gut, mahnte aber: «Egal welche Partei in Washington regiert, am Ende ist es immer besser, investiert zu sein, als nicht investiert zu sein.»
Das grösste Risiko sieht der Börsenwecker weiter im Iran: Sollten die USA und Israel doch noch angreifen, könne ein Ölpreis Richtung 150 Dollar eine globale Rezession auslösen. Ein Verhandlungsfrieden sei die Hoffnung, nicht die Gewissheit: Trump sagte am Mittwoch, er würde den Angriff wieder befehlen.
Morning Wire fasste die Marktreaktion im «Evening Wire» nüchterner zusammen: Analysten erwarteten ein Gridlock in Washington, das grosse politische Kurswechsel verhindere, was die Märkte begrüssten; Risiken blieben neue Spannungen im Nahen Osten und die hohe Staatsverschuldung. Beide Shows stimmen im Kern überein: Die Börse feiert nicht die Demokraten, sondern die Blockade.
Klartext
Die Märkte haben am Mittwoch eine schlichte Wahrheit bepreist: Eine Regierung, die weniger tun kann, schadet weniger. Keine neuen Zölle per Dekret, keine Strafaktionen gegen Konzerne, keine Überraschungen aus dem Oval Office: Das ist für Unternehmen und Sparer mehr wert als jedes Konjunkturprogramm. Der fallende Ölpreis zeigt, was ein Ende des Iran-Kriegs für die Weltwirtschaft bedeuten würde. Gelöst ist damit nichts: Die Staatsschulden wachsen, und eine Rendite von 4,85 Prozent bei zehnjährigen Anleihen bleibt eine Mahnung. Gridlock ist kein Programm, aber für zwei Jahre ein Schutz.
«In einem Gridlock kann die Politik schlicht weniger Blödsinn machen.»
– Tichys Börsenwecker, Sonderfolge vom 5. November